herrenreiter im damenreich - a tribute to dieter tasso
Dieter Tasso hat bei “Little Knox” gelernt. Er ist Jongleur und Komödiant mit Weltklasse
http://www.vimeo.com/3804647120 Witze in 15 Minuten
Wenn Dieter Tasso Abend für Abend fragt “Hat’s Ihnen gefallen?” und verspricht, “dann mach ich’s noch mal!”, hält er zum größten Vergnügen des Publikums sein Versprechen auch ein.
Genau genommen macht er es schon seit über 50 Jahren immer wieder: Dieter Tasso ist nicht nur Meister der Comedy-Jonglage, er ist eine lebende Legende. Und seinen Tassen-Trick kann man gar nicht oft genug sehen.
Eigentlich nicht verwunderlich, dass der gebürtige Berliner bereits als Kind sein Handwerk erlernte. Schon damals flogen bei ihm zu Hause die Tassen und Teller. “Mir blieb nichts anderes übrig, als Jongleur zu werden”, so Dieter Tasso, “Vater, Mutter, Bruder, Onkel, alle waren Jongleure.”
Vor allem sein Onkel Otto, der Comedy-Jongleur “Little Knox”, war maßgeblich beteiligt an Dieters beruflichem Werdegang. Obwohl er das Talent seines Neffen zunächst als eher gering einschätzte, zeigte sich bald, dass Dieter sehr wohl das Zeug zu seinem Wunschberuf hatte. Und so begann Onkel Otto nach anfänglicher Skepsis schließlich doch, den Dreizehnjährigen zu trainieren. Später trat er sogar mit ihm zusammen auf. “Little Knox” war neben unvergessenen Jonglier-Größen wie Enrico Rastelli oder Bela Kremo auch Dieters großes Vorbild. Ebenso wie “King Reep”, ein Freund der Familie, von dem die drei bunten Zylinderhüte stammen, mit denen Dieter bis heute arbeitet.
Das Ticket nach Amerika war aber der Tassen-Trick, nach dem der Onkel den Neffen benannte und der immer noch ein Highlight in Dieter Tassos großartiger Nummer ist. Dabei befördert er Tassen und Untertassen von der Fußspitze in die Luft, um sie dann auf dem Kopf gestapelt wieder aufzufangen. Eine Meisterleistung, die ihm ein Engagement bei dem berühmten amerikanischen Circus “Ringling Bros. and Barnum and Bailey” einbrachte. Man kann sich vorstellen, dass beim Training zunächst einiges zu Bruch ging.
Aber Dieter perfektionierte seine Nummer schließlich so weit, dass er seinen Trick auf einem Schlappseil vollführte: jeweils acht Tassen und Untertassen auf dem Kopf balancierend und auf einem Einrad fahrend. Und als Krönung wurden noch ein Löffel und ein Stück Würfelzucker akkurat plaziert.
Nach einigen Jahren hatte das Geschirrstapeln in luftiger Höhe jedoch ein Ende. Aufgrund einer Knieverletzung musste Dieter Tasso sich vom Schlappseil verabschieden. 1970 ließ er sich für das Begleitprogramm der Basketballer “Harlem Globetrotters” verpflichten, ging nach Las Vegas und lernte 120 Witze in 15 Minuten zu erzählen. Aus einem komischen Jongleur wurde ein jonglierender Komiker.
Aber das Verschieben des künstlerischen Schwerpunktes tut der Faszination, die dieser großartige Künstler damals wie heute ausübt, keinen Abbruch. Und sie ermöglicht es dem 71-jährigen Tasso, trotz seines fortschreitenden Alters immer noch Abend für Abend auf der Bühne zu stehen. So zum Beispiel bei “Happy Hours”, der neuen Show im Wintergarten Varieté. Wenn Dieter Tasso auftritt, scheint es zunächst, als handele es sich um einen älteren, rührend-komischen Schauspieler mit ein wenig Jonglier-Talent. Dass er Weltklasse ist, zeigt er eher nebenbei. Tatsächlich landet der Zylinder jeden Abend exakt zum selben Zeitpunkt an seiner Nase statt auf dem Kopf. Und seine schnodderigen Kommentare sind so komisch, dass das Publikum sich vor Lachen kaum halten kann. Ein echtes Showtalent eben.
Dieter Tasso hat in den langen Jahren seiner Karriere fast die gesamte USA, Süd-Amerika, Australien, Europa und Nordafrikas bereist und war in allen großen Show-Tempeln wie beispielsweise dem berühmten “Crazy Horse” in Paris zu Gast. Nun ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. “Ich bin sehr gerne im Wintergarten”, versichert Dieter Tasso, “mein Vater, meine Mutter und meine Onkel, alle haben sie schon im alten Wintergarten gearbeitet.”
Dass er selbst noch einmal im “neuen” Wintergarten Varieté zu sehen ist, ist angesichts der Tatsache, dass er sich nach 50 Jahren gern zur Ruhe setzen möchte, ein besonderes Glück. “Ich bin eigentlich mit meiner Laufbahn ganz zufrieden”, so Dieter Tasso, “nun möchte ich öfter angeln gehen.” Das wird er künftig im sonnigen Florida, wo er mit seiner Frau Irene ein Häuschen besitzt, sicher verstärkt tun.
Aber wer weiß, vielleicht überlegt sich Dieter Tasso das mit dem Ruhestand ja noch mal. Schließlich ist und bleibt er ein alter Showhase und das Jonglieren liegt ihm im Blut. Das Publikum wäre auf jeden Fall begeistert, wenn er es noch sehr oft machen würde.
Berliner Zeitung 29.04.2005